Der König ist tot – lang lebe der König!

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Was für eine Sommerpause der VfB und im Speziellen die Mad Beavers dieses Jahr erlebt haben. Mamma mia: Von angesengten Tartanbahnen, über missverstandene und deutlich überinterpretierte Kleidungsstücke bis hin zur Dolchstoßlegende unseres Sonnenkönigs war doch so einiges geboten.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle vor allem über unser 25 Jahre-Jubiläum und die waldhassenden Wellen, die sich danach noch in den sozialen Medien zutrugen schreiben, aber aufgrund des Abtretens von König Wolfgang, dem 1893. muss an dieser Stelle doch ein Gewicht auf die diesjährige Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart, genauer des VfB Stuttgart e.V. – also der Faustballabteilung im Allgemeinen – geworfen werden. Auf der Tagesordnung wurde tatsächlich der Antrag zur Abwahl des Präsidenten eben von jenem zugelassen, während man den weiteren Antrag zur jeweils separaten Entlastung der einzelnen Präsidiumsmitglieder lieber nicht zur Abstimmung stellen lies. Dem VfB war also vermutlich relativ klar, dass an diesem fast schon legendären 14. Juli 2019 die für die Abwahl von Herrn Dietrich notwendige ¾-Mehrheit kaum würde zustande kommen können. Dennoch stirbt die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt und so opferte ich den Familiensonntag mal wieder für den VfB.
Als mich beim Zücken des Mitgliedausweises die junge Volontärin des VfB nach meinem Smartphone fragte, wollte sie nicht meine Handynummer sondern lies zu erkennen geben, dass heuer wohl mit dem Smartphone abgestimmt werden sollte. Echt jetzt? In einem Stadion, in dem Du sonst keine Whats App verschicken kannst? Ok, mal gehofft, dass mit weniger Leuten als an einem normalem Spieltag das schon klappen wird oder man ja vermutlich eh einen Plan B in der Tasche hatte.
Pünktlich zu Herrn Heims Rede als er just von den Diamanten sprach, die Herr Mislintat hoffentlich gefunden hatte, enterte ich das weite Rund. Boa hey, Reschkes Michael, den „Perlentaucher“, ersetzt durch Mislintats Sven, „das Diamantenauge“: Skepsis ist hier nach meiner Einschätzung das Mindeste was als kritischer VfB-Fan angebracht sein sollte. Klar hoffe ich, dass bei den zig Verpflichtungen in der Sommerpause ein Treffer dabei ist, aber hier gleich wieder den neuen Sportdirektor derart in den Himmel zu loben, bevor auch nur ein Pflichtspiel gespielt ist und die Neuen zeigen konnten was sie können oder was sie eben auch nicht können, ist eben bei Gott typisch VfB. Was mir vielmehr zu denken ist, ist die Tatsache, dass teils blutjunge Kerle aus aller Herren Länder nun das VfB-Wappen mit Stolz tragen sollen. Das will ich den Jungs ja gar nicht absprechen, aber wenn Deine eigene A-Jugend deutscher Pokalsieger und Vizemeister wird, dann sehe ich halt bei Gott wenig Argumente, warum beispielsweise ein Argentinier aus der zweiten Liga gleich so viel besser sein muss als die vermeintlich eigenen Sprösslinge. Wo die dann lieber hingegen, zeigt der Fall Dajaku dann gleich mal auf sensationell eindrucksvolle Weise.
Aber egal, jetzt zur Mitgliederversammlung: Ich suchte mir einen Platz neben der vom VfB im Vorfeld der Versammlung als Krakeler titulierten kritischen Masse und kam sogleich auch mit anderen VfB-Fans ins Gespräch, nachdem eben jene von diesen als Idioten tituliert wurden. Ich fragte höflich nach, warum man denn in der Allgemeinheit den Intellekt einer ganzen Gruppe anzweifelte und es ergab sich eine äußerst spannende und sittlich geführte Diskussion. Mein Gegenüber äußerte sehr wohl Zweifel daran, ob die Kritiker des Präsidenten eigentlich verstünden wovon sie redeten oder ob sie nur blind ein paar Meinungen hinterherliefen. Sicherlich eine berechtigte Frage und sicherlich gibt es viele, die "Dietrich raus" fordern, weil es ein paar Capos oder Wortführer tun. Genau so gibt es aber viele, die sich eben selbst eine Meinung gebildet haben und dabei zu dem Schluss kamen, dass Herr Dietrich für unseren VfB schlicht nicht tragbar ist. Zu den letztgenannten wage ich mich zu zählen und so erläuterte ich meinem Gegenüber die unsagbare Außendarstellung des VfB, das Dehnen und Biegen sämtlicher Werte, die einen mal zum VfBler werden ließen, und die Nichtduldung anderer Meinungen, die ich am eigenen Leib (remember Ausgliederungsdiskussion in Ehingen) erfahren durfte. Zu meiner großen Freude nahm mein Gesprächspartner meine Argumentation dankend zur Kenntnis und verstand zumindest meine Entscheidung contra W.D. zu stimmen. Er erläuterte mir, dass er für Herrn Dietrich stimmen wolle, weil er keine weitere Unruhe im Verein mehr wolle und Herr D. nächstes Jahr eh nicht mehr wiedergewählt werden würde; man also getrost auf die ordentliche Abwahl nächstes Jahr warten könne. Ok, das Argument der Unruhe kann ich absolut nachvollziehen, aber wenn das das einzige ist, dann ist es eben auch relativ schwach und eigentlich nicht haltbar. Aber an dieser Stelle sei wirklich für die aufrichtige Diskussion gedankt, die VfBler auch wenn sie gespalten wurden, können also noch vernünftig miteinander reden. Die Strategie des VfB war indes mindestens seit Freitag Morgen klar und äußerst erbärmlich: Diffamierung der eigenen Fans und genau derjenigen, die immer da sind. Eigentlich fing alles ganz harmlos an, indem man bereits in der die Mitglieder informierenden Unterlage von den „lauten Mitgliedern“ sprach. Aus laut wurden dann "Krakeler" und dann irgendwann diejenigen, die hämisch und heuchlerisch in den sozialen Medien übelst auf den Präsidenten eindroschen. Und dann kam das Ding mit der Morddrohung. Versteht mich nicht falsch, eine Todesdrohung ist das Allerletzte und gehört strafrechtlich bis ins Letzte verfolgt und ist demnach absolut zu verurteilen, aber dass aus einem Doppelhalter, der seit 3 Jahren im Stadion zu gegen ist und ganz klar einen Stempel mit „Spalter“ zeigt, in diesem Zuge ein Fadenkreuz gemacht wurde, ist genau so wenig hinzunehmen und eigentlich ebenfalls strafrechtlich zu verfolgen. Und das schlimmste ist, dass das sogar Wirkung zeigte: Just mein Diskutant von vorhin sagte mir, dass man dem Stempel ja auch echt als Fadenkreuz interpretieren könnte. Brutal! Natürlich kann man über lautstarken Protest und mit Bannern geschmückte Brücken durchaus streiten, aber hier ein derartiges Horrorszenario zu konstruieren, ist einfach nur schäbig.
Seitens des VfB waren alle auf den Pfad der Diffamierung der Hetzer aufgesprungen. So nahm es sich selbst der Vereinsbeirat in den Reden von Frau Maintok und Herrn Erhard heraus, an die Ehre und Würde der VfBler zu appellieren und entsprechend den Hetzern und Krakelern keine Bühne zu bieten und daher bitte doch Herrn Dietrich im Amt zu bestätigen. An sich eine völlig löbliche Sache, nur wo war diese Würdigung der angeblichen Werte unserer VfB-Familie eigentlich als Herr Reschke maximal die Wahrheit bog, Herr Porth und Herr Buchwald übelst in aller Öffentlichkeit kollidierten oder Herr Dietrich nur das öffentlich einräumte was der Kicker eh schon längst aufgedeckt hatte? Boah, furchtbar schlecht gemacht und ganz ehrlich einfach auch zu billig.
Auch in der dann anstehenden Aussprache der Mitglieder, schoss ein Redner wirklich nochmals in diese Kerbe. Ein Schelm, wer sich denkt, dass der zweite Vortragende – mit Mütze und Sonnenbrille "vermummt" – in exzellenter Rhetorik nochmals auf die Hooliganschlacht gegen Leverkusen hinwies und damit alle in einen Topf werfen wollte, vielleicht ein engagierter Redner war? Ich will es nicht behaupten, aber es kam mir so vor. Danach wurden Gott sei Dank relativ sachlich Argumente ausgetauscht, insbesondere die Dietrich-kritische Riege wusste mit teils beeindruckenden Reden zu gefallen. Und auf diese sachliche Kritik war man wohl auf Seiten unseres Sonnenkönigs nicht vorbereitet, denn außer die hervorragenden Rahmenbedingungen zu bestätigen und die kritischen Mitglieder mit den Kommentaren einer „Halbwahrheit“ abzukanzeln, fiel eben nicht viel ein. Und so fühlte sich die 75%-Hürde auf ein Mal gar nicht mehr so weit weg an…
Irgendwann waren dann aber auch mal alle Argumente ausgetauscht und es kam wie so immer der Antrag auf Abbruch der Aussprache. Ehrlich gesagt war ich an dem Moment froh, denn nach meiner Einschätzung war wirklich alles gesagt. Also hieß es das Trauerspiel zu beenden und endlich über den Präsidenten abzustimmen. Sodele, Smartphone ausgepackt, WLAN verbunden und „404 ==> keine Verbindung“  echt jetzt?! Das extra eingerichtete WLAN gab also seinen Geist auf. Hatte wohl einer die Datenflat nicht verlängert? Stuttgart Amateure! Aber hier zumindest hatte man kurz einen Plan B zur Hand, indem man dann einfach die Aussprache fortsetzte. Gott sei Dank, denn es kam Rainer Adrion, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Mit seinen Argumenten und der hanebüchenen Reaktion Herrn Dietrichs („Auch Sie Herr Adrion müssen sich an die Regeln halten“, „Ach, wie wenn Sie sich an die Regeln halten würden, Herr Dietrich“) war die Stimmung endgültig gekippt. Dietrich raus hallte es durch das weite Rund.
Derweil startete man den Windows 95-Server des WLANs im Hintergrund erneut und der Notar des VfB rief aus, dass es auf der Bühne nun endlich funktionieren sollte. 5 Meter weiter beim Pöbel aber halt wieder nicht, so dass sich das Präsidium dann von der Bühne zur Beratung zurückzog. Spätestens als die Security im Stadion auflief und der Spielertunnel vorbereitet wurde, war den Kundigen sofort klar, dass der VfB (mal wieder) eben keinen Plan B für ein etwaiges Versagen der Technik parat hatte und das Ding ohne Abstimmung abgebrochen werden sollte. Kurz noch von einem weiteren schwarzen Tag der Vereinsgeschichte gefaselt und dann war el Presidente verschwunden. Die Mitglieder (und ich sage hier bewusst nicht die Kurve) quittierten den Abgang mit einem überragenden „VfB Stuttgart, das sind wir“ (Danke Cat) und manche äußerten tatsächlich die Vermutung einer Inszenierung durch den VfB. Das muss man sich schon mal geben, dass manche hier sofort an eine Schiebung denken. Damit sind die handelnden Personen eigentlich untragbar.
Aber am Ende des Tages wurde die MV eben einfach nur abgebrochen, ohne seine Stimme abgegeben zu haben. Wie sehr ich zu Hause ob des verlorenen und vergeudeten Familientages gelobt wurde, können sich sicher manchen vorstellen. Doch tief im Inneren, war ich zumindest froh, meinem VfB auch an diesem Tag beigestanden zu haben.

Und am nächsten Tag, sollte die Erlösung ja doch noch kommen. Und wer ernsthaft Zweifel hat, dass Herr Dietrich stets nur zum Wohl des VfB handelte und dabei sein eigenes Ego nie wichtig war, der sollte sich die Art und Weise des Rücktritts von Herrn Dietrich mal genau geben: Auf seiner persönlichen Facebookseite spricht er der „Organisation“ für die es ihm eine Ehre war zu dienen alles Gute aus. Fuck off, selbst beim Rücktritt noch nachtreten.
Egal, Herr Dietrich ist jetzt weg. Die Identitätskrise des VfB noch lange nicht. Klar kann ein Thomas Hitzlsperger viel wieder heilen, hoffentlich einkehrender sportlicher Erfolg hilft sicher auch, aber wenn alle im Verein auf diese Krakelernummer gebaut haben, dann braucht es echt mehr als nur einen neuen Präsidenten des VfB. Es braucht endlich die Anerkenntnis, dass es eben auch bei den „lauten“ Mitgliedern nicht nur ahnungslose Vollidioten, sondern ernstzunehmende oder mindestens zu respektierende Meinungen gibt. Und dass wird leider dauern, wenn ich das gesamte Auftreten derjenigen, die am Sonntag auf der Bühne saßen, im Nachgang Revue passieren lasse.

Allez VfB!

 

   

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